Hanoi

Um mich herum knattern tausende von Mofas, es wird prophylaktisch gehupt, das schadet ja nie, und alle Verkehrsteilnehmer fahren gleichzeitig in diese megagroße Kreuzung ein, ich sitze in einer Fahrradrikscha, die sich wie in Zeitlupe bewegt und habe gerade irgendwie den Wunsch die Hände vors Gesicht zu reißen, was aber nicht geht, weil ich ja fotografieren und filmen will.

Ist es ein Déjà-vu? Der Verkehr ist wie auf Bali. Liebenswert chaotisch und dennoch funktionierte es. Das Überqueren von Straßen wird dem Touristen wie folgt beigebracht: „Man nehme die Arme hoch, winke ein bisschen und gehe einfach rüber. Nicht zu viel schauen. Die Mofas fahren um dich herum.“ Na, hoffentlich wissen die das auch alle, denke ich still bei mir und setze mutig den Fuß auf die Fahrbahn.

In Vietnam gibt es Millionen von diesen knatternden Rollern. Mofas mit riesigen Lasten, von Reissäcken bis ganzen Familien werden so transportiert. Ein blühender Bougainville-Baum flitzt an mir vorbei, das Mofa, was sich sicherlich darin versteckt, sieht man fast nicht. Es ist laut, man versteht sein eigenes Wort nicht, mein Fahrer transportiert mich in aller Seelenruhe vom Franzosenviertel in die Altstadt. Ich glaube, als Tourist muss man das mal gemacht haben. Die Tour dauert eine Dreiviertelstunde und kostet 10 US$. Sie führt durch das pralle Leben. Vorbei an Garküchen, unzähligen Geschäften, die nahezu alles feilbieten.

Ich gebe zu, allzu viel wusste ich über Vietnam vorher nicht. Den Vietnamkrieg, bzw. Indochina Krieg, hat man noch auf dem Radar, aber das war es auch schon fast. Vietnam hat mit ca. 85 Millionen Einwohnern und einem sehr langgezogenen Land unendlich viel zu bieten. Es gibt drei Klimazonen, diese pulsierenden Großstädte wie Hanoi im Norden und Ho Chi Minh City (Saigon) im Süden, man findet diese überwältigend schöne Halongbucht mit ihren bizarren Felsformationen (Norden) und das Mekongdelta im Süden, eine Region die wegen ihrer Fruchtbarkeit sehr bekannt ist und das ganze Land mit Obst und Gemüse versorgt. Der Jetlag hat mich fest im Griff und sitze ich gerade um 2:30 Uhr auf meinem Bett und schreibe meine Erlebnisse auf.

Dafür, dass ich gerade erst angekommen bin, habe ich schon viel gesehen. An dem Nationalhelden Ho Chi Minh kommt man nicht vorbei, also besuchen wir das Mausoleum, in dem er, wie Lenin, aufgebahrt wurde und dies sogar entgegen seines Wunsches, aber das nur am Rande.

Die Verehrung für diesen Kämpfer für die Unabhängigkeit ist nahezu grenzenlos. Die Gärten und Parks rund um das Mausoleum und das Privathaus gehören mit zum Pflichtprogramm, wobei ich persönlich hätte mich lieber in der Altstadt länger aufgehalten und mir das bunte Treiben auf den Straßen angeschaut. Das will mein Stadtführer aber nicht so recht hören.
Das Abendessen nehme ich in einem wunderbaren Vietnamesischen Restaurant ein, es ist voll, aber die Küche dort ist wirklich klasse. Ich bestelle mir eine Nudelsuppe Pho Bo, die man hier einfach mal gegessen haben muss und rohe Frühlingsrollen, also frisch gewickelt und nicht in Öl gebraten. Getunkt in eine würzige Soße aus Erdnuss und 5-Gewürzpulver ist der Geschmack einfach ein Erlebnis.

Die Halong-Bucht,

ihre Schönheit ist nur schwer in Worte zu fassen. Bei „normalem“ Verkehr in 3 Stunden von Hanoi mit dem Taxi aus erreichbar, ist kaum eine andere Landschaft so typisch für Vietnam. Teile der Bucht hat die UNESCO unter Weltkulturerbeschutz gestellt und das mehr als zu recht. Diese Perle von Vietnam verteilt sich auf einer Fläche von 1553 km² und entstand durch Verkarstung von Meeresgrund, also der Meeresboden voller Muschelablagerungen wurde angehoben, trockengelegt, zerfiel jedoch unregelmäßig durch starke Hitze und Luftfeuchtigkeit, so dass sich diese Kegel bildeten, die seit Ende der letzten Eiszeit wieder vom Meer umspült wurden. Die wohl hübschere Legende besagt, dass ein Drache riesige Perlen ausspuckte um chinesische Einwanderer zu vertreiben und diese Perlen sind dann versteinert. Daher erhielt der Ort auch den Namen, Ha Long (bedeutet: herabsteigender Drache)

Was auch immer man nun glauben mag, dieser Platz hat eine eigene Magie. Man fährt durch nicht enden wollende Kalksteinkegel, so um die 2000 große sollen es sein, die so hoch und steil aufragen, dass man nur klein und mit offenem Mund staunend daneben entlang gleiten kann. Ich habe den Eindruck, dass es den meisten Touristen ebenso geht.

Wir haben eine 3Tages/2Nächte-Tour auf der Bhaya Classic gebucht und es keine einzige Minute bereut. Das Personal ist zauberhaft freundlich, das Essen sehr regional und köstlich, das Boot macht einen sehr guten Eindruck und vermittelt mit seinem Kolonialstil ein Gefühl wie vor 100 Jahren, nur mit den Annehmlichkeiten der heutigen Zeit. Meine Kabine hat ein Doppelbett, ein Bad, eine Toilette und eine winzige gemütliche Terrasse, auf die man sich zum Sonnenaufgang setzen kann, um diesen in Bildern festzuhalten. Natürlich gelingt es mir nicht, auch nur ansatzweise diese Magie einzufangen. Aber ein paar wirklich nette Bilder und Videos entstehen auf meinem kleinen Balkon.

Die Tour startet gegen Mittag und nach kurzer Zeit taucht das Schiff in die Landschaft ab, die sich so rasch verändert und doch immer beeindruckend bleibt. Gegen Nachmittag erreichen wir ein schwimmendes Dorf, welches wir vom Kajak (für die Sportlichen) oder vom Ruderboot (durch Einheimische bewegt) ansehen können. Auf einer großen Anzahl von Flößen mit Holzhäusern darauf wohnen Fischer und gehen ihrem Tagwerk nach. Ich hab ein mulmiges Gefühl, frage ich mich doch, wie ich es finden würde, ständig als Touristenattraktion herhalten zu müssen. Aber die Menschen scheinen glücklich zu sein. Sie winken zum Teil, oder tun, was immer sie zu tun haben. Die Zahl der hier lebenden Vietnamesen ist seit 2014 deutlich gesunken, da der Staat den Fischern ein Haus in der Stadt und Bildung für ihre Kinder in Aussicht gestellt hatte. Aktuell leben noch ca. 200 Menschen auf dem Wasser und nicht zuletzt auch vom Tourismus.

Eine Perlenfarm, ebenfalls schwimmend, schauen wir uns ebenfalls noch an. Jeder Arbeitsschritt wird erklärt und nach dem Rundgang hat sich mein Verhältnis zu Perlenketten grundlegend gewandelt, denn nun kann ich zumindest ansatzweise Ermessen, wie mühsam und zeitintensiv solch ein Schmuckstück ist.

Das Leben an Bord von unserem kleinen Schiffen ist sehr beruhigend. Einfach auf das Meer hinausschauen, die Felsen und vorbeiziehenden Fischerboote beobachten, ja, ich hätte nicht gedacht, dass ich so voller Lob für diese Schiffsreise bin.

Den Touristen wird einiges an weiteren Möglichkeiten geboten, man kann an einem kleinen Kochkurs teilnehmen, bei dem man lernen kann, wie Frühlingsrollen gewickelt werden, man kann schwimmen gehen, direkt vom Boot aus ins erfrischend Nass springen. Das Wasser ist sehr angenehm. Ich genieße es in vollen Zügen, zumal ich vorher noch gedacht hatte, dass es vielleicht zu kalt zum Schwimmen ist, aber das war es definitiv nicht.

Eine Deutsche hat beim Schwimmen allerdings Pech und trifft auf eine Qualle, die ihr übel zusetzt. Selbst am nächsten Tag hat sie noch Schmerzen, was aber wohl an ihrer heftigen Reaktion auf das Nesselgift liegt. Sie wird durch das Personal aber rührend umsorgt und verarztet. Rückwirkend denke ich noch, dass es schon ein wenig blauäugig von mir war, so schön es sich auch angefühlt hat direkt vom Schiff aus ins kühle Nass zu springen.

Gegen 10.30 Uhr verlassen wir das Boot und machen uns in aller Ruhe auf den Weg zum Flughafen um den Inlandsflug nach Saigon anzutreten.

 

Der nationale Flughafen von Hanoi überrascht mich dann doch durch ein hübsches Ambiente, diese Fülle an guten und preiswerten Restaurants und einem Spa, wo wir uns unsere Füße eine halbe Stunde lang durchkneten lassen können, ist ja der Hit. So ein Angebot hätte ich gern auf jedem Flughafen mit langen Wartezeiten. Vietnam Airlines ist durchaus gut, netter Service, genug Beinfreiheit und in 1 Stunde und 45 min ist man in Saigon, das heute Ho Chi Minh City heißt.